"Durst"
[aquamediale® 2]


Kunst aus der Perspektive gesellschaftlicher Verantwortung

Seit zwei Jahren gibt es das internationale Kunstprojekt „aquamediale®“ in der Spreewaldstadt Lübben.  Durch Inszenierungen vor Ort entstehen temporäre Anschauungsbilder, die natur- und kunstinteressierte Besucher gleichermaßen anlocken sollen.
Die Idee, Kunstwerke nicht traditionell in Galerieräumen auszustellen, sondern die offene Landschaft und vor allem die Spree und ihre Fließe zu nutzen, haben dazu geführt, Plätze auszuweisen, die für den Dialog Kunst-Natur geeignet sind.
Für die Zeit von Juni bis September erfährt  das Umfeld des Lübbener Schlosses durch die aquamediale® eine kulturelle Wandlung im Erscheinungsbild. Das Gelände zwischen Schloss- und Liebesinsel zeichnet sich einerseits durch eine gewisse Naturbelassenheit aus, und ist andererseits durch Anforderungen des allgegenwärtigen Tourismus und den Kahnverkehr von Servicebauten überformt.
Es gilt also auch, den Mythos Natur in seiner heilen Ausführung, wie er landläufig vorausgesetzt wird, zu hinterfragen, die Erwartungshaltungen und den Erfahrungshorizont der Touristen zu verstellen und diese für Probleme ganz anderer Art zu sensibilisieren.
In dem das Gewohnte aus dem Gleichgewicht gebracht wird, soll zunächst Aufmerk-
samkeit provoziert und Verwirrung gestiftet werden, um in der entstehenden Verunsicherung die gewohnte Wahrnehmungspraxis außer Kraft zu setzen.   
Kunst wird dabei nicht als exotische Zutat platziert. Ihr keine privilegierte Stellung einzuräumen, bedeutet, sie wird zum Bestandteil des gestalteten Naturraums.
In der wasserreichen Spreelandschaft  dient sie nicht als Spielwiese der Ästhetik, sondern als Medium der Reflexion, der Erweiterung menschlicher Anschauung und letztlich auch der Erfahrung. Es geht ohnehin weniger um romantische Implikationen, als um zeitgemäße Kommentare zu globalen Problemstellungen, um deutliche Bezugnahme zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zwischen Betrachter, künstlerischen Objekten und den elementaren Strukturen entstehen verwandtschaftliche Beziehungen, die geeignet erscheinen, menschlich Wesenhaftes freizulegen.
Durch Verschränkungen inhaltlicher, räumlicher und zeitlicher Positionen -  das Fließen des Wassers kommt als Zeitfaktor hinzu - kristallisieren sich in den vielgestaltigen Metaphern Botschaften heraus, die innerhalb der Thematik als erkennbarer künstlerischer Verweis auf soziale Verantwortung hindeuten.
Durch den Klimawandel erwärmt sich die Erde, wodurch mehr Wasser verdunstet, was wiederum in einigen Regionen mit ab- oder zunehmenden Niederschlägen verbunden ist. Extreme und lokal begrenzte  Niederschläge, als so genannte Starkregenereignisse, in deren Folge nicht selten Hochwasser (1997 Oderflut, 2002 Elbeflut) oder Dürreperioden drohen, sind Indizien für signifikante Veränderungen bestimmter Großwetterlagen in Europa. Die Problemlage ist seit langem bekannt, verändert hat sich bisher zu wenig. Bekannt ist auch, dass die  Mittel und Möglichkeiten der Kunst eher begrenzt sind, gegen Erscheinungen existenzieller Bedrohung und globaler Missstände wirkungsvoll anzugehen. Es wäre naiv, davon auszugehen, mit künstlerischen Appellen an der politischen Großwetterlage drehen zu können.  
Während die aquamediale 1 im Jahr 2005 das Wasser unter regionalen Gesichtspunkten betrachtete,  in dem der Wasserhaushalt des Spreewaldes mit den umliegenden und inzwischen stillgelegten Braunkohletagebauen thematisiert wurde, erfolgte unter dem Titel „Durst“ im Jahr 2006 eine deutliche Akzentverschiebung in Richtung der globalen Problematik des Trinkwassermangels vor allem in den Ländern der dritten Welt. Durst als leibliches Bedürfnis, Durst im übertragenen Sinne und in abstrahierter Form als gleichnishafter Zustand, haben zu unterschiedlichsten Gestaltfindungen ge-führt. In keinem der Werke führt der unreflektierte Gebrauch des Themas DURST zu einem zweckfreien Dialog mit einer Scheinwelt. Der Bedeutungspluralismus der Gegenwartskunst lässt dabei mehrere Interpretationswege offen.
Mit ihren Objekten und Installationen haben die an der aquamediale® 2 beteiligten Künstler bevorzugt Verflechtungen von sozialen Erfahrungen mit ihren künstlerischen Anliegen aufgegriffen und apostrophiert.
Wenn es mit künstlerischen Mitteln gelingt, Problembewusstsein in einer breiten Öffentlichkeit für die Wasserthematik zu wecken, auf spielerische Weise Nachdenken zu provozieren, und sowohl für die scheinbar intakte Wasserwelt des Spreewaldes wie auch für die wasserarmen Konfliktzonen unseres Globus Verständnis und Verantwortung zu entwickeln, dann hat sich ein wesentliches Anliegen der aquamediale® 2 erfüllt.


Herbert Schirmer, Kurator