Wassermann & Königskinder

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[aquamediale® 3]

Zum dritten Mal in Folge war die Spreewaldstadt Lübben Gastgeber der „aquamediale“. Zu den strukturellen Voraussetzungen dieses vom Landkreis Dahme-Spreewald ausgerichteten internationalen Kunstfestes zählt die Schnittstelle von Natur und Kunst. Man könnte auch sagen, es geht um Beziehungen zwischen labyrinthischem Naturraum und gestaltetem Bildraum sowie um die jeweilige Positionierung von Kunstwerken in diesem weitgehend offenen Bezugssystem. Unabhängig davon, ob der Umgang mit dem organischen Naturraum sensibel erfolgt, ob eine Annäherung angestrebt oder eine Eindringung vorgenommen wird, meist verbinden sich traumhafte Erinnerungen und Gegenwärtiges zu einer fragmentarischen Erzählung, die unterschiedliche Verrätselungen zur Folge hat und Aufmerksamkeit provoziert.

Kunstgeschichtlich gründet der mit dem Titel „Wassermann und Königskinder“ bezeichnete Rahmen in der Romantik und im Symbolismus, zwei Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts, welche, verkürzt  gesagt, durch entsprechende Bilder die Illusion einer herausgehobenen Lebenssituation zu erwirken suchten. Zur Ansicht gebracht werden sollte etwas, dass es so in Wirklichkeit nicht gibt. In die Gegenwart transferiert, erfährt mit der aquamediale das so genannte Normale eine abrupte Veränderung, eine verblüffende Metamorphose, die den Raum verändert.  Magische Kraft der Einbildung, Zauber der Verklärung, Sehnsucht und Erinnerung sind Stichworte, die, aus dem romantischen Kontext entlehnt, auf die Kunstwerke übertragen wurden. Von daher betrachtet, führen die Kunst-Inszenierungen des Spreewaldes, der per se als Reservoir des Malerischen wie des Stimmungshaften gilt, zu Abweichungen vom Alltäglichen und zur Begegnung mit dem Unerwarteten. Worauf lassen sich die Künstler ein, die alljährlich nach Lübben kommen? Wirklich neu ist die hier praktizierte Vorstellung einer Symbiose zwischen Natur und Kunst, zwischen Erholung, Erlebnis und Nachdenklichkeit nämlich nicht. Bereits im 18. Jahrhundert plante der englische Gartenarchitekt William Chambers (1726-1786) Erlebnisparks, in denen Besucher durch unterschiedliche Klang- und Bildeffekte in eine fremde Welt versetzt werden sollten. Wächserne Leichname, wie unsere „Ophelia“, waren schon damals angesagt und sollten den Besucher in ein zeitenthobenes theatralisches Spektakel versetzen, in dem romantische Melancholie, ein Hang zur Innerlichkeit und das Aufgehen des Ichs in den geheimnisvollen Kräften der Natur zusammenwirken.
Von daher betrachtet, haben die 14 Künstler aus Frankreich, Holland, Österreich, Polen, Schweden, Russland und Deutschland sich auf dem Wasser der Spree, an den Ufern der Fließe, an Brücken und unter Bäumen sich sehr gegenwärtig mit dem auch für den Spreewald lebensnotwendigen Element Wasser auseinander gesetzt. Der märchenhafte Titel „Wassermann und Königskinder“ geht dabei auf die regionale Kulturgeschichte der Sorben (Wenden) und einen ihrer umtriebigen Wassergeister zurück. Mit der romantischen Ballade von den „Königskindern“ wird die Sagengestalt und ihr Treiben sowohl an die regionale wie die globale Problematik um das Wassers als Lebenselixier gebunden.

Die Künstler haben das Verhältnis von objektivem Raum und subjektiver Wahrnehmung thematisiert, Reales und Irrationales in einer ironischen Verbindung aufeinander treffen lassen und sich souverän im vorgegebenen Bedeutungsspielraum bewegt, in dem das Vertraute sowohl kommentiert wie auch kontrastiert wurde. In dieser Art des Zusammenkommens von Wirklichkeitsferne und sichtbarer Wirklichkeit wurde die romantische Teilhabe eher beiläufig kommuniziert. Mittelalterliche Ritterlichkeit, wie sie vom König in Thule ausgeht oder die Ballade vom Tod der Königskinder, die wir im Zeitalter von computergeneriertem Elektro-Pop eher als rührselige Schmachtfetzen erinnern, erweisen sich trotz gegenwärtiger Gestalt in ihrem erzählerischen Kontext rätselhaft bis geheimnisvoll.  

Spätestens seit Honoré Balzac gehören Geheimnisse zu einem guten Kunstwerk. Sie werden in der transparenten Zerbrechlichkeit von Heike Pfitzner-Adners Drahtskulpturen „Königskinder“ ebenso sichtbar wie in den kompakten und filigran zugleich strukturierten „Shelter“ aus geflochtenen Weidenruten der holländischen Künstlerin Karin van der Molen. Der Däne Palle Lindau hat ganz auf konstruktive Tektonik mit seinem „Luftschlosses“ aus Aluprofilen und Fischernetzen gesetzt, das er als  möglichen Wohnsitz des Wassermannes in die Bäume gehängt hat. Symbolisch verklärt erscheint hingegen Shakespeares schöne „Ophelia“, die sich als Wasserleiche in narrativer Szenerie und mit Anspielungen auf den farbenfrohen Kitsch der Vorgärten behauptet und vom polnischen Teilnehmer Tomasz Matuszak aus Łodz stammt.
Auf Bewegung im Raum haben Uwe Mücklausch und Irene Anton gesetzt. Während im „Eisenreich“ von Mücklausch spiegelbildliche Bewegung und veränderte Oberflächen der geometrischen Mobiles den Unterschied zwischen Illusion und Wirklichkeit aufheben, unternimmt Irene Anton mit einem vertiefendem Seitenblick auf die Menschheitsgeschichte einen Ausflug in die internationale Wassergeisterwelt, deren weibliche Vertreter textile Formen angenommen haben. Ein mehrdeutiges Uferstillleben hat Lusici geschaffen,  in dem Natürlichkeit auf Künstlichkeit, Realität auf Virtualität trifft, wobei Adam und Evas Rausschmiss aus dem Paradies die hintergründige Frage provoziert, in welcher Welt wir in Zukunft leben wollen.
Objektive Übereinstimmung von Ironie und Romantik hat Nadia Schmidt mit ihrer völlig verkleideten Eselsbrücke geschaffen, die als kürzeste Verbindung zwischen Sein und Schein erfahrbar wird. Unsichtbare Kontraste entstehen vor allem durch die Soundinstallationen. Der Tiroler Lucas Drexel lässt gleichförmige und beruhigende Wassergeräusche aus einem Baum ertönen, während der Schwede Gustave Hellberg moderne Zivilisationsgeräusche von Presslufthämmern oder Kreissägen in die Spreelandschaft schickt.

Lynn Pook und Julien Clauss aus Frankreich haben hingegen auf konkrete Berührung zwischen Kunstobjekt und Besucher gesetzt. Ihre 1001 Hände aus vergoldetem Latex sollen durch Gesichtskontakt  während der Fahrt unter der Brücke angenehme Gefühle hervorrufen. Den Opfern des Wassermanns verleiht Ilka Berndt wiederum symbolischen Ausdruck. In ihrer raumgreifenden Installation lässt sie ihre um Hilfe flehenden Opfer in Gestalt von stilisierten weißen Styropur-Händen aus dem Wasser ragen.  

Aus ständig wechselndem Blickwinkel können die Besucher des Spreewaldes während der Kahnfahrt die Objekte und Installationen wahrnehmen. Sie können sich von den originellen Ideen der Künstler überraschen und einfangen lassen, sie können wegschauen, schimpfen oder ihrer Phantasie Flügel verleihen. Ohne erhobenen moralischen Zeigefinger wird die eher zufällige Begegnung mit der Kunst im öffentlichen Raum zu einem unaufdringlichen Appell an unser aller Verantwortung, mit dem Wasser in Zukunft sorgsamer umzugehen. Auch das gehört zur aquamediale in Lübben.  
Nicht zuletzt zielen die Objekte und Installationen auf die Gestaltung eines Kulturraumes, der zwar vordefiniert ist, der aber ständig deformiert, überformt oder neu interpretiert wird, der sich zwischen landschaftlichem Refugium und den Serviceerwartungen einer allgegenwärtigen Tourismusindustrie permanent neu erfindet.

Herbert Schirmer, Kurator

 

 

[aquamediale® 3]

Water Sprites & The King’s Children

For the third time in a row the city of Lübben in the Spreewald hosted the „aquamediale“. The structural requirement for this international culture festival, organised by the county of Dahme-Spreewald, is the interface between Nature and Art. In other words, the festival is about connections between the labyrinth-like space of nature in relation to the structured space of pictures, as well as the positioning of works of art in this largely open framework. Regardless whether the contact with nature’s organic space is approached in a sensitive way, whether an approach is targeted, or an intrusion is made, many times dreamlike memories and reality combine into a fragmented story, which in turn results in a variety of mysteries and provokes attention.
From a cultural history point of view the framework titled “Water Sprite and The King’s Children” is based on two cultural movements of the 19th century, Romanticism and Symbolism, which – very simply put - tried to create the illusion of an accentuated situation in life by way of relevant pictures. The intention was to bring something into focus which did not exist as such in real life. Transferred to today’s time, something “normal” experiences a sudden change with the aquamediale, a perplexing metamorphosis, which alters space. Magical powers of illusion, the spell of transfiguration, yearning and remembering are keywords, which - borrowed from their romantic context – have been applied to the works of art. From this point of view these installations of art in the Spreewald, which in itself is a reservoir of all things picturesque as well as atmospheric, lead to a deviation from the ordinary and to encounters with the unexpected.
What are these artists coming to Lübben each year getting into? Considering the belief applied here of a symbiosis between nature and art, between relaxation, experience and reflectiveness is nothing really new. Already back in the 18th century the English garden designer William Chambers (1726-1786) created amusement parks, which were intended to transfer the visitors into a strange new world by means of different sound- and visual effects. Wax corpses, like our “Ophelia”, were trendy even back then and were intended to transfer the visitor into an out-of-this-time theatre spectacle, in which romantic melancholy, an inclination towards the inner self and the absorption of the self in the mysterious powers of nature all interact.
From this viewpoint the 14 artists from France, The Netherlands, Austria, Poland, Sweden, Russia and Germany have all dealt with the Spreewald’s vital element “water” in a very contemporary way, be it on the waters of the river Spree, on the banks of the streams, on bridges or under trees. The fairytale-like title “Water Sprite and The King’s Children” dates back to the regional cultural history of the Sorbish (Wendish) and one of their plotting sprites of the water. With the romantic ballad of “The King’s Children” the fabulous creature and its actions are being linked to the regional as well as global problem of water being the elixir of life. The artists dealt with the subject of objective space and subjective consciousness, they let the real and the irrational collide in an ironic connection, they moved with confidence within the given boundaries of meaning, in which the known was commented on as well as contrasted against. Within this encounter of distant and actual reality the romantic part was communicated rather casually. Chivalry from in the middle ages, as emanated by the King in Thule or the ballad of the death of the King’s Children, which we rather perceive as a sentimental sob story in the age of computer generated electro-pop, still prove cryptic to mysterious in the context of the stories even in their current shape. 
Secrets are part of a good work of art, as we know at the latest since Honoré Balzac. They become apparent in the transparent fragility of Heike Pfitzner-Adners wire-sculptures “The King’s Children” as well as in the compact but filigree structure “Shelter”, made of wicker tresses by the Dutch artist Karin van der Molen. The Danish artist Palle Lindau used aluminium parts and fishnets and set his mind to constructive tectonics in his “Air Castle”, which he hung up into the trees as a possible home for the Water Sprite. Transfigured in symbolism on the other hand seems Shakespeare’s beautiful “Ophelia”, who makes a statement as a corpse in the water within narrative scenery and with hints to the colourful Kitsch in front gardens, a creation by the Polish entrant Tomasz Matuszak from Lodz.
Movement in space was the focus of Uwe Mücklausch and Irene Anton. In Mücklausch’s „Iron Kingdom“ the difference between illusion and reality is removed by reflective movements and changing surfaces of his geometric mobiles, whereas Irene Anton glances deeply into the history of mankind and taking an excursion into the world of water sprites across countries, giving female sprites textile forms. Lusici created an ambiguous still life of the river bank, where natural meets artificial and real meets virtual, and whereby Adam and Eve’s eviction from paradise begs the question in which world we would like to live in the future.
Objective agreement between irony and romance was created by Nadia Schmidt with her work of a completely disguised mnemonic, which is experienced as the shortest way between being and guise. Invisible contrasts are created primarily by sound installations. The Tyrolean Lucas Drexel lets even and calming sounds of water emanate out of a tree, whereas the Swede Gustave Hellberg sends modern sounds of civilisation like pneumatic hammers or circular saws out into the landscape of the Spreewald.
Lynn Pook and Julien Clauss from France on the other hand focused on tangible connections between objects of art and the visitor. Their creation of 1001 hands made out of gold plated latex aim to evoke pleasant sensations when touching the face whilst boating under the bridge. Ilka Berndt in turn lends a symbolic expression to the victims of the water sprite: in her spatial installation she shows the victims pleading for help through stylised white Styrofoam hands protruding out of the water.
During the boating trip the Spreewald’s visitors experience the objects of art and installations from a constantly changing point of view. They can allow themselves to be surprised and captivated by the inventive ideas of the artists, they can look away, rant, or be swept away by the fantasy. Without any moralistic finger pointing this rather incidental encounter with art in a public place becomes an unobtrusive appeal to our responsibility to economise with water in future. This is also part of the aquamediale in Lübben.
Last but not least the objects and installations aim at shaping a cultural environment, which is pre-defined, but which is also constantly being deformed, over-designed, or being newly interpreted, and which permanently has to reinvent itself in between scenic hideaway and the expectations of service from an omnipresent tourism industry.

Herbert Schirmer

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