Kunst zwischen Mythos und Abenteuer

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[aquamediale® 5]

Dass um das Wasser so viel Aufhebens gemacht wird, hat wohl kaum mit seinen Eigenschaften zu tun. Geruchlos, farblos, ohne eigenen Geschmack und meistens sehr beweglich, nimmt es sich neben Feuer und Luft ziemlich unauffällig aus. Physikalisch betrachtet, erscheint es uns in drei wandelbaren Aggregatzuständen und dabei könnte man es auch schon belassen. Dass es Ursprung allen Lebens ist, eine Handelsware, die ebenso zur Naturgewalt wie zum Mythos werden kann, ein Element, das bewaffnete wie künstlerische Auseinandersetzungen provoziert, macht es dann doch zum zentralen Thema des 21. Jahrhunderts.  
Seit fünf Jahren kommen im Juni bildende Künstler und Performer nach Lübben, um sich neben globalen Fragen auch mit regionalen und lokalen Problemen rund um das Wasser zu befassen. Thematisiert wird hauptsächlich das Verhältnis des Menschen zum Wasser als Rohstoff, als Lebensmittel und Medium künstlerischer Befragung im Spannungsfeld zwischen großen gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart und der Vergegenwärtigung emotionaler Befindlichkeiten des Einzelnen. So haben auch in diesem Jahr Objekte und Installationen Aufstellung gefunden, die zwar unter einem thematischen Dach beheimatet sind, als verfügbare einzelne Bestandteile des Konzeptes hingegen nicht notwendigerweise einen kulturellen Zusammenhang bilden. So ermöglichen die ausgestellten Werke unterschiedslos einen sinnlichen, zuweilen sinnbildlichen Zugang, was nicht ausschließt, das Rätselhaftes und Geheimnisvolles sich sofort verfügbaren Interpretationen verweigert und ein intensiveres Nachdenken provoziert wird. In jedem Fall sollen von den Kunstobjekten Denkanstöße ausgelöst werden, die auf spielerische, kontextuale oder subversive Weise das Verhältnis zwischen Mensch, Technik und Natur beleuchten.
Mit der Fokussierung auf das Wasser in verschiedensten Facetten und Aspekten, zwischen Märchenhaftigkeit, Menschenrecht und Kunstwerk, ist der Rahmen weit gespannt worden. Im Ergebnis dessen erweist sich das  Miteinander korrespondierender und kontrastierender Handschriften als ein Labyrinth der Poesie, in dem  neue Raumzusammenhänge entstehen, die nicht begehbar, aber im Wortsinn erfahrbar sind. Dabei ist jeder Besucher eingeladen, sich aus den Vorgaben der Künstler und seinen persönlichen Erfahrungen einen neuen eigenen Raum zu schaffen.
Weil sie sich mit der Umgebung auseinandersetzen müssen, haben es Kunstobjekte im offenen Naturraum schwerer als im abgeschlossenen Museum. Sie müssen sich gegen ein inflationäres Angebot an optischen Signalen wie aggressiv konkurrierende Reklameschilder, Verbotstafeln und andere umweltbedingte Einflüsse durchsetzen. Gegen die zunehmenden visuellen Überschwemmungen im Spreewald mit so genannten Eye-Catchern vorzugehen, verbietet sich dennoch, da die Verbindung zur Lebenswelt und die Hoffnung auf deren langfristige Veränderung als utopischer Nebeneffekt weiterhin in der Absicht der aquamediale-Macher liegt.
Die Installationen und Objekte zielen einerseits auf die Verunsicherung von Gewissheiten und sind andererseits darauf angelegt, dass ein und dasselbe Ding auf ganz unterschiedliche Weise gelesen werden kann oder mehreres gleichzeitig sein kann. Sinnstiftung auf Umwegen könnte man das Nebeneinander von Privatem und Öffentlichem, von Erhabenem und Lächerlichem, von Banalem und Politischem auch nennen, das einmal mehr im Zeichen des Wassers als Ausgangsmaterial und Bedeutungsträger dazu dient, die Natur des Spreewaldes mit der Kunst zu verbinden.
Das Spektrum reicht von den Schöpfrädern der Fontänen im Park zu Versailles, die Hans Georg Wagner in seiner Wassermusik zitiert, bis zum poppigen Karpfen-Express des in Spanien lebenden Österreichers Andreas Holzknecht, von  der poetischen Halbkugel des Slawomir Brzoska, bei der Formen der architektonischen Umwelt sich in netzartige Strukturgebilde umwandeln, bis zu „Atlantis – point of entry“ von Kirsimaria Törönen-Ripatti, die mit ihrem gestrandeten Floß-Vehikel dem Wasser einen politischen Aspekt als Ware und Waffe verleiht. Dass die Kunst baden gehen kann, beweist Egidius Knops mit seinem schwimmenden Spreewaldmuseum. Dass man von der Wolke sieben stürzen kann und dennoch aufgefangen wird im Netz der Hoffnung, zeigt sich bei Sabine Hermann als durchführbar und wer gar nicht anders kann, dem sei das gleichnishafte Narrenschiff von Andreas Kopp empfohlen oder die direkte Nachbarschaft zu den Badenden Sorbinnen von Borbora Wiesnerec, jene hoch aufragende und die Umgebung dominierende Holzskulptur. Wünsche der besonderen Art erfüllt hingegen die archaisch strenge Bronzeskulptur „Regenzauberin“ von Jochen Schamal im Vorüberfahren. Einen Einblick in indianische Mythen bietet Hernando Leons farbintensive Installation Kai Kai Vilù, während Birgit Cauer hoch in den Bäumen das Herz des Spreewaldes mit einer Solarpumpe betreibt. Eine Traum-Oase aus Drahtgeflecht und farbigen Folien hat Ursula Pahnke-Felder zwischen Erlen platziert. Erdal Buldun lässt per Bildmontage aus dem Traum von Venedig einen Alptraum auf dem Canal Grande werden, während Thierry Godet die Rückkehr zu Einfachheit und Vernunft via Land-Art beschwört.
„Die Kunst ist in unseren Augen ein Abenteuer, das in eine unbekannte Welt führt, erforschbar nur für den, der bereit ist, die Risiken auf sich zu nehmen“. Diese Feststellung, geschrieben in einem Brief an die New York Times vom 13. Juni 1943 und unterzeichnet von amerikanischen Künstlern, wie Marc Rothko und Barnett Newman, scheint auch 65 Jahre später noch als brauchbarer Schlüssel zur vorbehaltlosen Erschließung der Werke in der aquamediale zu taugen.

Herbert Schirmer

 

[aquamediale® 5]

Culture Between Myth and Adventure

The reason why there is so much attention given to the element of water is hardly because of its properties: odourless, colourless, without specific flavour and mostly relatively flexible it is quite unobtrusive next to fire and air. From a physical point of view we know it comes in three changeable aggregate states and we could leave it right there. But the fact that it is the beginning of all life, a commodity which can equally turn into nature‘s force as well as a myth, an element provoking armed as well as cultural differences, definitively turns it into a central topic of the 21st century.
For the last five years visual- and performance artists come to Lübben in June to deal with regional and local problems around the topic „water“ next to global issues. The key topic is the relation between man and water being a natural resource, food, and medium of cultural questioning in an area of conflict between large social conflicts of today and the visualisation of emotional states in a person. Therefore, as in the years before, this year‘s objects and installations might topically be situated under one roof  but do not necessarily form a cultural context from their individual conceptual parts. The exhibited objects allow an indiscriminative sensual, sometimes symbolical approach, which does not exclude that the mystical and mysterious refuse ad-hoc interpretation but rather provoke intensive pondering. In any case the cultural objects are there to trigger lines of thinking which aim to shed light on the relation between man, technology and nature in a fun, contextual or subversively way. The scope was broad by focusing on water in its various facets and aspects between fairytale, human rights and piece of art. As a result the combination of corresponding and contrasting handwriting is a labyrinth of poetry, where new relations in space are being created which are not accessible but can be experienced in the literal sense. Visitors are invited to create their own space from the artists‘ templates and their personal experiences.
By having to deal with their open natural environment the objects are challenged more than being in a closed museum. Furthermore, they need to prevail against an inflationary offer of optical signals like aggressively competing advertising signs, banning signs and other environmental factors. To combat this increasing visual flooding in the Spreewald via so called „eye catchers“ is not condoned, as the connection to the world of living and the hope for long term change as an utopian side effect is still a goal of the creators of the aquamediale.
The aim of the installations and objects, whose appearance can definitively be perceived as mysterious and possibly mystical, is partly to target the uncertainty of the certain but at the same time to show that one and the same thing can be read completely differently or can be many different things at the same time. „Making sense by taking a detour“ you could also call this co-existence between private and public, grand and ridiculous, mundane and political, which once more serves to connect the nature of the Spreewald with art in a fun, mystical and subversively way with water once again being the starting point and focus of it all. 
The objects range from the scoop wheel of the fountains in Versailles Park, which Hans Georg Wagner quotes in his „Water music“, to the trendy „Carp Express“ by the Austrian Andreas Holzknecht who currently resides in Spain, from the poetic hemisphere of Slawomir Brzoska, where architectural forms of the environment change into net-like structures, to „Atlantis – point of entry“ by Kirsimaria Törönen-Ripatti, who bestows the water with a political aspect with her stranded raft-vehicle.
Egidius Knops proves that art can take to the water in his swimming „Spreewaldmuseum“, that falling from cloud nine can result in being caught by the net of hope is demonstrated by Sabine Hermann, and who is at the end of his tether should check out the allegory-like „Ship of Fools“ by Andreas Kopp, or the neighbouring „Bathing Sorbinnes“ by Borbora Wiesnerec, a high-rise and dominating wooden sculpture. Granting special wishes when driving by is the archaically harsh bronze sculpture „Rain Charmer“ by Jochen Schamal. An insight into native American myths allows Hernando Leon‘s colourful installation „Kai Kai Vilù“, whilst Birgit Cauer is operating the „Heart of the Spreewald“ high up in the trees via a solar pump. An oasis like in a dream made of wire and coloured foil has been placed between alders by Ursula Pahnke-Felder. Via a montage Erdal Buldun turns the dream of Venice into a nightmare on the Canal Grande, whilst Thierry Godet conjures the return to simplicity and rationality via country art.
„To us art is an adventure into an unknown world, which can be explored only by those willing to take the risks“. This statement, written in a letter to the New York Times on June 13, 1943  and signed by US artists, including Marc Rothko and Barnett Newman, still seems to be a useful key to unconditionally access the objects in the aquamediale some 65 years later.

Herbert Schirmer

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